In Bolivien waren am 6. Dezember Wahlen. Wie man das so am Wahltag macht, gingen die Bolivianer wählen. Mehr oder weniger freiwillig. Das liegt nicht zuletzt an der hiesigen Wahlpflicht. Was passiert, wenn man nicht wählt? Klar, es werden einem sämtliche Konten gesperrt und man wird offiziell vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Warum? Das ist die Pflicht, die man der Gesellschaft gegenüber hat!
Kandidaten
In Bolivien wird der Präsident mit der ersten Stimme direkt vom Volk gewählt. Die zweite Stimme ist für den Kandidaten im Parlament. Wenn man Indigener ist, wählt man hier für seinen Volksvertreter. Dies gilt nicht für alle Ureinwohner Boliviens. Im Distrikt La Paz haben die Stämme der Araona, der Lecos, der Mosetene, der Tacana, der Afrobolivianer (ehemalige Sklaven aus Afrika) und der Kallawaya (Medizinmänner der Inka) einen Ethnienvertreter. Als dritter Punkt wurde über „Autonomie ja oder nein“ in den nicht autonomen Departementen ein Referendum durchgeführt.
Insgesamt gab es acht Präsidentschaftskandidaten. Allen voran Evo Morales Ayma, ein ehemaliger Cocabauer des Chapare (eines der größten Cocaanbaugebiete überhaupt), welcher amtierender Präsident war und ist. Der größte Gegenkandidat war Manfred Reyes mit dem Vizepräsidenten Leopold, welcher wiederum gerade im Gefängnis in Untersuchungshaft sitzt mit Anklage, Drahtzieher bei einem Mordanschlag im Departament Pando (weit im Norden, tief im Dschungel) gewesen zu sein. Dennoch war mir Manfred sympathisch, er hat denselben Namen wie mein Großvater und sieht aus wie mein Onkel; außerdem habe ich ein Fähnchen von ihm. Politisch gesehen hat er ausschließlich in wohlhabenden Gebieten gewonnen. Die anderen Kandidaten sind eigentlich nicht erwähnenswert, weil sie insgesamt weniger als fünf Prozent haben.
Laut einem Vortrag einer großen, deutschen, politischen Stiftung kandidierten die sieben Gegenkandidaten mit dem Motiv, eine Opposition zu bilden und sich Arbeit für die nächsten Jahre zu verschaffen.
Wahlkampf
„Verstaatlichung ist Fortschritt“
„Dank der Verstaatlichung wachsen wir in Gesundheit, Wohlstand und Bildung auf“
So wirbt nicht etwa ein Kandidat. Nein. So wirbt der 51% staatliche Erdölkonzern. Und das gerade vor den Wahlen, so ein Zufall.
Es gibt einige Plakate. Der Großteil ist auf die Wände gemalte und gepinselte Werbung mit Sprüchen wie: „Evo Presidente“ „Manfred Presidente“ „Evo 5 años más“ (Evo 5 Jahre mehr) „Con MAS somos más“ (mit der MAS-Partei sind wir mehr)
Am besten gefielen mir die Wahllieder. „Manfred hier ist dein Volk. Wir stehen dir bei.“ „Auto, Auto, Autonomie!“ „Ich bin kein Terrorist, daher ist Evo nichts für mich.“ „Bolivien wandelt sich! Evo hält, was er verspricht. Mit der MAS sind wir mehr.“ Und so weiter und so fort. Es kommt nicht selten vor, dass man an singenden Gruppen vorbeikommt, die derartige Lieder singen. Es gab ebenfalls tanzende und singende Wahlwerbegrüppchen, die fröhlich und mit lauter Musik durch die Stadt spazierten. Die etwas fauleren stellten einen gigantischen Verstärker auf ihren LKW, ließen einen Freund fahren und hörten lautstark ebendiese Lieder während sie durch die Stadt fuhren und sich ordentlich Alkohol einflößten.
Das Wahlwochenende
Das „Gesetz der guten Regierung“ schreibt folgendes vor (in gekürzter Form):
- 48 Stunden vor und 24 Stunden nach der Wahl ist es verboten, alkoholische Getränke zu verkaufen oder zu konsumieren. Weder zu Hause, noch an öffentlichen Orten, in Läden, Kantinen, Hotels, Restaurants noch sonstwo. Strafe: 200 Bolivianos (20 €) für Bürger, 1000 Bolivianos (100 €) für Eigentümer.
- Schuss- und Stichwaffen sind verboten.
- Am Wahltag darf man keine öffentlichen Spektakel veranstalten.
- Der Transport von Personen ist am Wahltag untersagt.
- Am Wahltag darf niemand Auto und andere motorisierte Fahrzeuge fahren.
- Reisen im Landesinneren sind verboten.
Anders ausgedrückt ist das öffentliche Leben in Bolivien am Wahltag lahm gelegt. Gewählt wird mit dem Ausweis, dem Nationalregister oder dem Zeugnis beim Militär gewesen zu sein.
Ich bin auch in ein Wahlbüro mit meinem Gastbruder gefahren, mit dem Auto selbstverständlich. Vater: „Das machen wir seit 30 Jahren so!“ Mutter: „Es ist aber seit 50 Jahren verboten!“ Obwohl wir gerade zur Zeit der Wachablösung fuhren und die Stadt voll Polizisten waren, passierte uns nichts, was ein Glück!
Das Ergebnis
Der Präsident der plurinationalen Republik Bolivien wurde in seinem Amt bestätigt und mit 62 % der Stimmen gewählt. Die Regierungspartei stellt etwa 70 % der Abgeordneten. Der Autonomieentscheid wurde in sämtlichen Departementen angenommen.
Da die Regierungspartei nunmehr mehr als 2/3 stellt, wird befürchtet, dass sich die früheren Tendenzen des Landes verstärken. Dazu gehören die stark sozialistische Einstellung, die Autokratie (Angelegenheiten wie „Was? Ihr wollt mein Gesetz nicht verabschieden? Dann trete ich in Hungerstreik!“) und die engen politischen Beziehungen zu Ländern wie Venezuela, Kuba, Iran und Nordkorea. Manch einer wagt zu behaupten „Mit Schurkenstaaten lebt es sich. Ob besser ist die Frage.“

Hier sieht man das weltberühmte bolivianische Riesenfaultier Megatherium (Hintergrund), welches vor einer halben Ewigkeit ausgestorben ist.
